Interview mit Nienke Jos // CC-Award Longlist 2019

Foto: Christian-Müller
Foto: Christian-Müller

Welches Buch haben Sie als Kind am meisten geliebt? Wissen Sie noch warum?›Herberts Haus‹ von Doris Herold Lund (Carlsen Verlag). Herbert ist bei seinem neuen Freund Rüdiger zu Besuch. Rüdiger wohnt in einer Siedlung, in der alle Häuser gleich aussehen. Rüdiger hat ein ganz normales Zimmer in einem ganz normalen Haus mit ganz normalen Treppen und einem ganz normalen Garten. Herbert nicht. Herberts Haus erkennt man an den großen Türmen und den bunten Fahnen, dem riesigen Wassergraben, der Zugbrücke, den Strickleitern und dem Leuchtturm. Statt Treppen gibt es Feuerwehrstangen, statt auf einem Sofa sitzt man auf Bäumen im Wohnzimmer. Herbert hat Löwen, Tiger, Fische, Kaninchen und Schlangen. Herbert schläft in einem Indianerzelt und rettet Schiffe aus Seenot. Ein paar Straßen weiter. In einer Siedlung, in der alle Häuser gleich aussehen. Auch das von Herbert. Ich habe mit fünf Jahren verstanden, dass mir Fantasie immer und überall zur Verfügung stehen wird. Bedingungslos.
Sie muss nicht bewirtschaftet werden, sie braucht keine Voraussetzungen.
Gedanken sind frei. Diese Erkenntnis hat mich unglaublich fasziniert.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?Wenn Informationen als relevant bewertet werden, rutschen sie zur Weiterverarbeitung zum Hippocampus. Hier beginnt dann der Prozess zur dauerhaften Einlagerung. Bei mir ist das kaputt. Es reicht nicht, dass mein Gehirn rein gar nichts
als irrelevant einstuft, es rafft auch noch gierig zusammen, was wahllos herumliegt und niemand haben will: Mein Leben lang schon verwandeln sich harmlose Orte ungebeten in einen Tatort; bedeutungslose Situationen inspirieren mich, katastrophale Verkettungen zu stricken; in beliebigen Menschen sehe ich den geeigneten Täter und das ideale Opfer. Eine ganze Invasion an Plots wabert in mir, ohne dass ich sie je irgendwo abgelegt hätte. Auf die Idee, ein Buch zu schreiben, bin ich nie gekommen, bis ich eines Tages das Gefühl hatte, qualvoll überzulaufen. So schrieb ich einen
Brief. Einen Brief an eine sehr bekannte Autorin. Platz schaffen: Sie sollte einen meiner Plots verarbeiten. Eine Antwort? Habe ich nie erhalten. Ohne zu wissen, ob ich überhaupt Talent habe, ohne zu wissen, was am Ende daraus wird, habe ich entschieden, den Thriller selbst zu schreiben. Es ist, als hätte ich noch nie etwas anderes getan.

Welche AutorInnen sind Ihre literarischen Vorbilder?Einst Charlotte Link. Heute ist es Juli Zeh.

Wie sieht Ihr typischer Autorentag aus?

Um 6.15 Uhr klingelt der Wecker. Kaffee, die morgendliche Routine mit meinen Kindern. Um 7.30 Uhr, wenn alle in der Schule sind, bespreche ich den Tag mit meinem Mann, anschließend verkrieche ich mich in meinen Schreib-Kokon: Unser langer Esstisch, ich sitze am Kopf, neben mir Obst und Buttermilch. Ich schalte alles um mich herum aus und ab.
Keine Geräusche, kein Esstisch, kein eigenes Leben mehr. Ich lese die letzten beiden Kapitel, kürze, korrigiere, es folgen hier und da kleine Änderungen. Ich bin immer schnell drin, in der Subwelt meiner Geschichten, schreibe neu – ohne Konzept, intuitiv, je nach dem, was sich mir offenbart. Am Ende bin ich immer nur das Werkzeug meiner
Protagonisten. »Du bist spät, Sklave«, beschweren sie sich, wenn ich erst um 9 Uhr am Laptop sitze. Mein tägliches Pensum beläuft sich im Schnitt auf 5 Seiten. Wenn ich einfache Passagen schreibe, zum Beispiel Dialoge, auch mehr. Um 13 Uhr ist Schluss, einfach so, dann werde ich aus meinem Buch heraus und ins echte Leben hineinkatapultiert. Kinder, kochen, aufräumen, Spülmaschine, Hausaufgaben, Meerschweinchen, Wäsche, Verabredungen. Am Nachmittag zeichne ich meine Wusis, kümmere mich mit um die Firma meines Mannes. Ein richtiges, echtes Leben. Ich liebe den Wechsel, brauche ihn, er inspiriert mich. Ohne ihn wäre ich ein zurückgezogener Freak und mein Gehirn tragisch vertrocknet.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Welche Hobbies haben Sie?Ich liebe es, Gäste einzuladen. Bei uns gehen alle ein und aus. Ich brenne für hohe Geschwindigkeiten beim Rallye- und Motorradfahren, sie pusten mein Gehirn frei, setzen andere Maßstäbe, die brauche ich. Und dann ist da noch das Klavier und mein Akkordeon, außerdem zeichne ich mit ernsten Erfolgsabsichten Wusis. Meine allergrößte Freude aber gilt dem Fahrradtrial, eine Sportart, bei der man ohne Sattel Hindernisse bezwingt. Da kann ich mitunter sehr ehrgeizig
sein und alles um mich herum vergessen.

Welchen Klassiker möchten Sie unbedingt einmal lesen?
Bei Klassikern bin ich leidenschaftslos.

Welchem Buch eines anderen Autoren hätten Sie (noch) mehr Erfolg gewünscht und warum?

›Stille – Chronik eines Mörders‹ von Thomas Raab (Droemer). Aus der Perspektive eines Serienmörders geschrieben. Karl hat von Geburt an ein überempfindliches Gehör. Was er am meisten begehrt, ist die Stille, und die bekommt er nur von den Toten. Das Buch kommt daher wie sein Protagonist. Behutsam, leise, vorsichtig. Fantastisch geschrieben,
gespickt mit hochkarätiger Sprache. Eine Lebensgeschichte mit Tiefgang und Format. Raab zollt seinen Lesern Respekt. Es ist die Art von literarischer Ästhetik, die mich ganz und gar verschlingt. Ein lesenswertes Buch, das m. E. einen viel größeren Erfolg verdient hätte.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Ja. Mehrere. Zu viele. Sehr viele.

Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

Ich habe eine Lesepause eingelegt. Das Lesen von Büchern irritiert mich in einer Phase, in der ich selber schreibe.

Gibt es den perfekten Mord?

Ich würde mir Trockeneis besorgen. Trockeneis ist festes Kohlenstoffdioxid. Es verdampft rückstandslos, ohne vorher
zu schmelzen. Auch kleine Mengen Trockeneis wirken in einem geschlossenen Raum erstickend.