Interview mit Johannes Groschupf

Johannnes Groschupf // © Mike Auerbach
Johannnes Groschupf // © Mike Auerbach

1.Welches Buch haben Sie als Kind am meisten geliebt? Wissen Sie noch warum?

„Der Reiter auf dem fahlen Pferd“ von Emanuel Stickelberger erzählt von den mongolischen Reiterarmeen um den Dschingis Khan. Sie reiten durch die wogenden Grassteppen Asiens, um die ganze Welt zu erobern. Sie morden, brandschatzen, plündern und trinken vergorene Stutenmilch. Für mich als behütetes Mittelstandskind eröffneten sich durch dieses Buch überraschende Perspektiven.

2. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Als ich zwölf Jahre alt war, schenkte mein Großvater mir eine alte schwarze Reiseschreibmaschine. Auf ihr tippte ich zahllose Kurzgeschichten, in denen alle Nachbarn ein furchtbares Ende fanden.

3. Welche Krimi-AutorInnen sind Ihre literarischen Vorbilder?

George V. Higgins für sein feines Ohr für Gespräche zwischen Kleinkriminellen; Elmore Leonard für wildes und trotzdem präzises Erzählen; Georges Simenon für seine unglaubliche Hingabe und Produktivität.

4. Wie sieht Ihr typischer Autorentag aus?

Meist sitze ich ab neun Uhr auf meinem Lieblingsplatz Nr. 666 in der Staatsbibliothek und bringe Tod und Verderben um ein paar Seiten voran.

5. Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Welche Hobbies haben Sie?

In alten Berliner Eckkneipen, die noch einen Billardtisch haben, spiele ich gern ein paar Partien und höre den Gesprächen der Stammgäste zu. Jemand wollte mich neulich zum Boule bekehren, aber es ist nicht dasselbe.

6. Welchen Klassiker möchten Sie unbedingt einmal lesen?

Edward Gibbons „Verfall und Untergang des römischen Reiches“ reizt mich seit Jahren, aber dafür brauche ich zwei Monate Urlaub in einem kleinen süditalienischen Ort.

7. Welchem Buch eines anderen Autors hätten Sie (noch) mehr Erfolg gewünscht und warum?

„Die Tätowierten“ von Michail Djomin, erschien 1973 bei Fischer und ist seither verschollen. Eine großartige Reise in die Unterwelt der sowjetischen Kriminellen: Taschendiebe, Bahnräuber, Prostituierte, Falschspieler, die Strukturen, Sitten und Gebräuche ihres Netzwerks.

8. Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist bis heute der vielstimmigste, witzigste, kraftvollste deutschsprachige Großstadtroman. Der ehemalige Transportarbeiter Franz Biberkopf will nach einem Jahr im Gefängnis wieder Fuß fassen in der Stadt, wird zum Kleinkriminellen und Luden, verliert seinen rechten Arm und seine Freundin Mieze und für einige Monate auch seinen Verstand.

9. Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

Ich lese zurzeit viel Gefängnisliteratur. Ein beeindruckendes Buch ist Marek Kaminskis „Games Prisoners Play“ über die Welt der polnischen Gefängnisse in den 1980er-Jahren, scharf beobachtet und mit schwarzem Humor erzählt.

10. Gibt es den perfekten Mord?

Ich sage nichts ohne meinen Anwalt.