Interview mit I. L. Callis

I.L. Callis / © Susi Graf
I.L. Callis / © Susi Graf

1. Welches Buch haben Sie als Kind am meisten geliebt? Wissen Sie noch warum?

Da war zum einen „Der goldene Becher des Pharao“ von Eloise Jarvis McGraw, die Geschichte eines Steinmetzlehrlings im alten Theben, der herausfindet, dass sein brutaler Meister und Bruder ein Grabräuber ist. Der wohl unerfüllbare Traum einer Goldschmiedelehre, die allnächtliche Gegenwart der Totengeister, die grausame Hinrichtung, die den Frevlern droht – man hofft und fürchtet mit diesem Jungen. Ich habe das Buch vor zwei Jahren noch einmal antiquarisch erwerben können und es atemlos wiedergelesen. Und da sind „Die Kinder des Kapitän Grant“ von Jules Verne, die im 19. Jahrhundert auf einer abenteuerlichen Reise rund um den Erdball nach ihrem verschollenen Vater suchen, von dem es nur eine letzte Flaschenpost gibt. Der Roman steht inzwischen auch als Comic-Ausgabe in meiner Bibliothek. Ich liebte das ganze Werk von Jules Verne, die Abenteuer und seinen Traum von einer Zukunft, in der alles möglich scheint.  Jules Verne ist wohl der Autor, der meine eigene Arbeit am meisten beeinflusst hat. Auch mein Genetik-Thriller „Das Alphabet der Schöpfung“ entwirft eine Zukunftsvision, die seiner Feder hätte entstammen können.

2. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich komme aus einer Familie, die seit Generationen Juristen und Schriftsteller hervorbringt. Wir hoffen zwar immer mal auf einen neuen Beruf in der engeren Verwandtschaft – bisher leider vergebens. Als Kind eines Schriftstellers bin ich mit Büchern aufgewachsen und habe mir mit fünf Jahren das Lesen selbst beigebracht. Seitdem lese ich ununterbrochen. Mein Vater hat mir die Welt der großen Literatur eröffnet und alle meine Fragen geduldig beantwortet. So bin ich in guter Familientradition als Juristin auch wieder Schriftstellerin geworden. Aber während meine Schwester erfolgreich politische Bücher schreibt, habe ich mich auf die Belletristik verlegt. Am Ende waren es wohl Gene, Erziehung und – last but not least – Berufung.

3. Welche Krimi-AutorInnen sind Ihre literarischen Vorbilder?

Steht uns ein Vor-Bild nicht immer vor Augen und verstellt uns damit auch die Sicht auf den eigenen Horizont? Ich gehe in jeder Beziehung meinen eigenen Weg, versuche, mich weiterzuentwickeln und die beste Version meiner selbst zu sein. Doch wenn ich ein Vorbild wählen müsste und dabei nach den Sternen greifen dürfte, dann wären es Umberto Eco und „Der Name der Rose“. Der Professor für Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen, erschafft ein ganzes Universum, das unserem eigenen geradezu schmerzhaft ähnelt. So wird der Mikrokosmos in der Abtei auf dem nebelumwobenen Berg zu einem Gleichnis unserer modernen Welt, und seine Bewohner spiegeln unsere Gier, unsere Grausamkeit und unsere Eitelkeit. Ich nehme das Buch immer wieder zur Hand und entdecke Neues.

4. Wie sieht Ihr typischer Autorentag aus?

Der Morgen gehört bei mir dem Schreiben, wobei ich mit den Korrekturen starte, um den „Sound“ des Textes wieder aufzunehmen. Am Nachmittag mache ich Recherche, am Abend korrigiere ich den neuen Text und lese zu meinem Vergnügen. Für den Roman „Im Jahr der Finsternis“, für den ich auf Grund seiner Aktualität nur wenige Monate hatte, bin ich jedoch zeitweise um drei Uhr aufgestanden und habe auch auf der Frankfurter Buchmesse die Überarbeitung gemacht. So individuell wie jedes Buch ist, beeinflusst es das Leben seines Autors.

5. Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Welche Hobbies haben Sie?

Ich finde das Leben und das Schreiben derart spannend, dass ich kein Bedürfnis nach Hobbys habe. Wenn ich den Kopf freibekommen oder über ein neues Projekt nachdenken muss, gehe ich mit meiner Bayrischen Gebirgsschweißhündin Josefine hinaus in die Natur. Ich bin seit Jahrzehnten Jägerin im Hochgebirge, würde die Jagd aber nie als mein Hobby bezeichnen. Beim Ansitz und mit Blick auf Adler und Gämsen ist sogar ein Alpenkrimi entstanden – aus dem ich übrigens auf der ersten Crime Cologne 2012 lesen durfte.

6. Welchen Klassiker möchten Sie unbedingt einmal lesen?

Mein Wunschtraum wäre: Die Aeneis von Vergil im Original! Die Geschichte von Aeneas, der ins Ungewisse aufbricht, um ein neues Troja zu gründen, ist für mich die wunderbarste Abenteuerreise, die es in der Weltliteratur gibt. Die Prophezeiung: „Ihr werdet hungern, so dass ihr eure Teller essen werdet“ (die Griechen nutzten Brotscheiben als Teller), klingt in meinen Ohren, wenn ich Brot wegwerfen muss. Aber wie es mit Wunschträumen so ist – da ich nie Altgriechisch gelernt habe, wird wohl auch dieser Traum unerfüllt bleiben.

7. Welchem Buch eines anderen Autors hätten Sie (noch) mehr Erfolg gewünscht und warum?

„Von der Liebe und anderen Dämonen“ von Gabriel Garcia Marquez. Es ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher.  Sprachlich perfekt, atmosphärisch dicht geschrieben und voller anrührender Schicksale, eröffnet es dem Leser den Zugang zu einer faszinierenden, nie gekannten Welt. Leider wird das schmale Buch von den großen Romanen des Nobelpreisträgers in den Schatten gestellt.

8. Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Bücher finden zu einem wie Menschen – die richtigen zur rechten Zeit. Die Bücher, die ich gelesen, die Menschen, die ich getroffen habe, gehören zu einer bestimmten Lebensspanne. In diesem Sinne gibt es kein Lieblingsbuch. Allerdings gibt es Lieblingsmenschen.

9. Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

 „Simon Wiesenthal – die Biografie“ von Tom Segev. Ich habe Simon Wiesenthal als Teenager kennenlernen dürfen und muss heute für ein neues Buchprojekt wieder in seine Gedankenwelt eintauchen. Leider kann ich ihn nicht  mehr befragen. Darüberhinaus ist Tom Segevs Buch auch eine spannende Lektüre.

10. Gibt es den perfekten Mord?

Ein perfekter Mord ist der Mord, der nicht als solcher erkannt wird. Alles, was ein Giftmörder braucht, wächst im Garten oder bietet das Blumengeschäft an der Ecke – einen Strauß Glockenblumen oder eine Handvoll Maiglöckchen zum Beispiel. Auch wer in den Bergen für ein Handyfoto posiert, sollte auf Bitte des Fotografen nicht vertrauensvoll einen Schritt zurücktreten. Wenn für jeden unentdeckten Mord eine Kerze auf dem Grab des Opfers brennen würde,  so heißt es, wären die Friedhöfe hell erleuchtet.