Interview Martin von Arndt

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1. Welches Buch haben Sie als Kind am meisten geliebt? Wissen Sie noch warum?

Ich muss gestehen, dass ich ein extrem lesefaules Kind war – ein Wunder, dass aus mir kein funktionaler Analphabet geworden ist. Am meisten geliebt habe ich die Donald Duck-Klassiker von Carl Barks, allen voran „Im Land der viereckigen Eier“, das mich in das präkolumbianische Südamerika entführt hat. Eine Abenteuergeschichte, toll gezeichnet, toll ins Deutsche übersetzt (von der unübertrefflichen Dr. Erika Fuchs). Auch wenn ich heute mit dem beinharten Konservatismus, der sich bei Barks mitunter zeigt, überhaupt nichts mehr anfangen kann, liebe ich es doch immer noch, in den alten Geschichten zu schwelgen.

2. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Letztlich über meine Band, die dringend irgendwas zum Singen brauchte, am besten etwas in Textform. Und da sich außer mir kein Blöder gefunden hat, der sich jenseits der Hausaufgaben freiwillig mit Wörtern beschäftigen wollte, war ich plötzlich für die Lyrics zuständig. Von den Lyrics kam ich – nein, nicht zu Gedichten, sondern zu Kurztheaterstücken; und als mich die ewigen szenischen Dialogen zu langweilen begannen, habe ich zu erzählenden Texten gefunden.

3. Welche Krimi-AutorInnen sind Ihre literarischen Vorbilder?

Ich denke, dass Raymond Chandler und der viel zu früh verstorbene Philip Kerr ihre Spuren in meinen Romanen hinterlassen haben. Ich liebe Kerrs Dialogtechnik in den Noir-Romanen, und an Chandler kommt man beim Plotten ohnehin nicht vorbei. Noch mehr verdanke ich aber wohl Graham Greene, auch wenn er kein „genuiner“ Kriminalautor ist. Wenn ich beim Schreiben nicht mehr weiterkomme, trete ich oft einen Schritt zurück und frage mich: Wie würde Greene das jetzt machen …? Ich halte „The Third Man“ und „The Quiet American“ immer noch für zwei der besten Romane des 20. Jahrhunderts.

4. Wie sieht Ihr typischer Autorentag aus?

Aus dem Bett quälen, Zeitungen wälzen (aka „frühstücken“), Tee in rauen Mengen kochen, mich mit halber Lust und wenig Energie an den PC quälen, an den Text herantasten, mich bis zum Nachmittag auf volle Lust und viel Energie herauftippen, mich total unterzuckert mit Espresso schreiberisch in den Abend retten, essen, eine Stunde Fahrradfahren oder Boxen, anschließend lesen bis zum Zapfenstreich.

Klingt wenig glamourös, oder …?!

5. Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Welche Hobbies haben Sie?

Da ich noch zwei weitere Standbeine als Freier Hochschuldozent und Musiker habe, unterrichte ich in Zeiten, in denen kein aktuelles Romanprojekt oder eine neue CD-Produktion ansteht. Ich treibe  Sport, sitze täglich auf dem Rad, bin drei- oder viermal die Woche im Boxtraining. Außerdem frickle ich gern an Computer oder Smartphone herum (doch, wirklich!) und liebe es, in Osteuropa unterwegs zu sein, wenn es die Zeit erlaubt.

6. Welchen Klassiker möchten Sie unbedingt einmal lesen?

Ich glaube, irgendwann möchte ich doch einmal die sittliche Reife erlangen, „Der Archipel Gulag“ von Solschenizyn zu lesen. Aber bis dahin wird noch sehr viel Wasser die Wolga hinabfließen.

7. Welchem Buch eines anderen Autoren hätten Sie (noch) mehr Erfolg gewünscht und warum?

„The Fear Index“ von Robert Harris. Ich beneide Harris anhaltend um seine Fähigkeit, ein an und für sich so zähes wirtschaftspolitisches Thema auf einen wunderbar spannenden, unkitschigen Plot heruntergebrochen zu haben. Und hätte mir insgesamt mehr Erfolg für das Buch in Deutschland gewünscht – ich hatte den Eindruck, dass es hierzulande etwas unter die Räder gekommen ist.

8. Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Eigentlich gibt es zwei: „Generosity: An Enhancement“ von Richard Powers und „Schule der Arbeitslosen“ von Joachim Zelter.

9. Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

„In the light of what we know“ von Zia Haider Rahman. Ein grandios geschriebener Roman, hochspannend, der sich mit dem Afghanistankrieg und der Finanzkrise von 2008 auseinandersetzt, ohne sich daran intellektuell zu überfressen.

10. Gibt es den perfekten Mord?

Ich habe einst den perfekten Mord an einem Smartphone begangen. Aber an einem Menschen …? Ich hoffe nicht, sonst wären Kriminalautor_innen ja mehr oder weniger arbeitslos.